Saatguterzeuger warnen: wer bei der Beize spart, spart am falschen Ende!Autor am 31. August 2017


Die Beizung dient dem Schutz der Samenkörner gegen anhaftende oder ins Korn eingedrungene Schadpilze (samenbürtige Erreger). Mit der Behandlung werden auch im Boden überdauernde (bodenbürtige) pilzliche Erreger erfasst. Die Beizung schützt das Wintergetreide über Winter.

Die Aussaat fachgerecht gebeizten Saatguts ist der erste Schritt zu einer guten Ernte.

Samenbürtige Getreidekrankheiten wie Steinbrand, Flugbrand und Streifenkrankheit treten selten auf. Dies ist die Folge einer jahrelangen konsequenten Beizung des Saatgutes. Das bedeutet jedoch nicht, dass diese Krankheitserreger ausgerottet sind. Sie können immer wieder auftreten und große Schäden verursachen.

Ein Beispiel ist der Befall mit Zwergsteinbrand an Weizen und Dinkel in den Jahren 2011 und 2015 in Süddeutschland in Lagen oberhalb von 500 Metern.

Der boden- und samenbürtige Schneeschimmel und die bodenbürtige Typhula-Fäule verursachen vor allem nach schneereichem Winter und lange aufliegender Schneedecke auf nicht gefrorenem Boden Schäden.

Beizung – das geeignete Beizmittel und die richtige Aufwandmenge sind mitentscheidend

Die Beizung bietet die Sicherheit, dass auch in Jahren mit günstigen Bedingungen für die Schadpilze die Bestände gesund bleiben. Bei der Auswahl eines geeigneten Beizmittels muss auf den Wirkungsbereich und die Aufwandmenge der einzelnen Mittel genau geachtet werden.

Unbedingt erforderlich ist die Beizung gegen:

  • Steinbrand und Schneeschimmel an Weizen

  • Streifenkrankheit an Gerste

  • Schneeschimmel an Roggen und Triticale

  • Flugbrand an Weizen und Gerste für die Saatguterzeugung

  • Zu empfehlen ist die Beizung gegen folgende Krankheiten:

  • Zwergsteinbrand an Winterweizen und Dinkel für die Anbaugebiete in Süddeutschland oberhalb von etwa 500Höhenmetern

  • Flugbrand an Wintergerste, auch für den Konsumanbau, wenn das Saatgut aus einem

  • Gebiet mit Flugbrandbefall stammt

  • Typhula-Fäule an Wintergerste in Befallslagen

Schneeschimmel und Fusariumpilze

Anfällig für einen Befall mit Schneeschimmel und Fusarium, die sowohl samen- als auch bodenbürtig übertragbar sind, sind Keimlinge von Roggen, Triticale sowie Weizen. Gerste wird weniger befallen. Die Beizmittel wirken überwiegend gegen samenbürtigen und nur begrenzt gegen bodenbürtigen Befall. Vom Boden ausgehende Infektionen sind insbesondere unter einer lange bestehenden Schneedecke zu erwarten. Deswegen ist es für Gebiete mit hoher Befallsgefahr durch Schneeschimmel wichtig, dass hier nur Mittel eingesetzt werden, die durch ihre Ausstattung mit mehreren Wirkstoffen eine Wirkungssicherheit bieten.

Mittel mit guter Schneeschimmelwirkung sind beispielsweise ArenaC, Celest, EfA, LandorCT, RubinTT. Bei Auftreten von gegen Strobilurine weniger empfindlichen Rassen kann es, beispielsweise bei der Anwendung von EfA, zu Minderwirkungen kommen. In der Praxis hat es jedoch aufgrund des wirksamen Partners (Prothioconazol) bisher noch keine Probleme gegeben.

Zwergsteinbrand

Gegen diese Krankheit wirkt das Mittel LandorCT. Wegen der Befallsgefahr in Lagen oberhalb von 500Metern Meereshöhe sollte das Weizen- und Dinkelsaatgut für die Aussaat auf solchen Standorten mit diesem Mittel gebeizt werden. Zur Verbesserung der Beizqualität kann Dinkelsaatgut vor der Beizung schonend entspelzt werden. Die Handhabung und Aussaat eines derartig vorbehandelten Dinkelsaatgutes muss besonders sorgfältig erfolgen. Insbesondere sollte das Saatgut kurz nach der Beizung ausgesät werden.

Schwarzbeinigkeit

Die Schwarzbeinigkeit ist eine bodenbürtige Getreidekrankheit (Gaeumannomyces graminis) und in den vergangenen Jahren wieder stärker aufgetreten. Sie schädigt vor allem früh gesäten Weizen in engen Getreidefruchtfolgen. Auch Mulchsaat, warme und feuchte Witterung im Herbst und Frühjahr sowie milde Winter und trocken-heiße Sommer begünstigen das Auftreten der Pilzkrankheit.

Die Pilzkrankheit befällt die Wurzeln, die sich nach der Infektion schwarz verfärben. Außerdem vermorscht die Halmbasis. Befallene Pflanzen reifen vorzeitig ab. Das typische Schadbild ist die Weißährigkeit. Ein Befall kann wirtschaftliche Einbußen verursachen, weil die Versorgung der Getreidepflanze mit Wasser und Nährstoffen gestört wird. Mit einer Saatgutbehandlung können Infektionen durch diese bodenbürtige Pilzkrankheit vorbeugend bekämpft werden.

Ob der Einsatz eines Spezialbeizmittels wirtschaftlich sinnvoll ist, ist nur im Einzelfall unter Beachtung der Risikofaktoren zu beurteilen. Das Mittel Latitude kann gegen die Schwarzbeinigkeit zusätzlich zu einem üblichen Beizmittel eingesetzt werden. Es ist auf Wasserbasis formuliert und deshalb mit anderen „Wasser-Beizen” wie beispielsweise ArenaC, LandorCT mischbar.

Typhula-Fäule

Die Krankheit der Gerste tritt vor allem in höher gelegenen, kälteren Anbaugebieten auf. Sie führt zu nesterweisen bis großflächigen Vergilbungserscheinungen und bis zum Absterben ganzer Pflanzen. Typisch sind die rotbraunen, 0,5 bis 3mm großen Dauerkörperchen des Pilzes auf oder in den abgestorbenen Blattscheiden. Bei starkem Befall kann ein Umbruch erforderlich werden.

In Befallslagen ist der Einsatz eines Beizmittels mit Wirkung gegen diese Krankheit wirtschaftlich lohnend. Die Beizmittel Baytan3 und BaytanUFB haben eine Zulassung zur Befallsminderung der Typhula-Fäule.

Alternative Beizverfahren

Die biologischen Saatgutbeizen Cedomon und Cerall enthalten Bakterien: Pseudomonas chlororaphis MA342. Sie vermehren sich auf der Saatgutoberfläche und konkurrieren dort mit den anhaftenden Krankheitserregern. Sie setzen zudem Substanzen frei, die Sporen der Schadpilze in ihrer Entwicklung hindern und abtöten. Die Beizen induzieren zusätzlich Resistenz und fördern die Entwicklung des Keimlings.

 Das als Emulsion formulierte Cedomon ist in Gerste (gegen Streifenkrankheit, Netzfleckenkrankheit und zur Befallsminderung von Fusarium-Arten) und in Dinkel (zur Befallsminderung von Steinbrand) mit 0,75l/dt zugelassen. Mit dem Suspensionskonzentrat Cerall können Roggen und Triticale zur Befallsminderung von Fusarium-Arten und Weizen gegen Steinbrand,Septoria nodorum und zur Befallsminderung von Fusarium-Arten mit 1l/dt gebeizt werden.

Als weitere Alternative zu chemischen Wirkstoffen stehen die Elektronenbeizungen E-Pura und e-ventus zur Verfügung. In Versuchen erwies sich dieses physikalische Verfahren bei der Bekämpfung von vielen samenbürtigen Krankheiten, insbesondere von Brandkrankheiten wie Weizensteinbrand und Roggenstängelbrand, als gleichwertig. Gegen Flugbrand und bodenbürtige Krankheiten bietet es jedoch keinen ausreichenden Schutz.

Chemische Beizmittel – Vermehrer sind Praktiker und empfehlen immer: Wirkungsbereich beachten

Bei der Wahl des Beizmittels ist auf den Wirkungsbereich zu achten, damit es zur Anbauregion und Saatgutstufe passt.

Mit Baytan3 steht jetzt eine neue Gerstenbeize zur Verfügung. Sie enthält Fluopyram neben den bewährten Azolen Prothioconazol und Triadimenol. Der neue Partner ist ein Benzamid-Wirkstoff. Er hat den gleichen Wirkungsmechanismus wie die Carboxamide (C2). Dieser neue Wirkstoff verbleibt in unmittelbarer Nähe des Saatkornes und schützt vor allem gegen die Erreger der Streifenkrankheit und der Netzflecken. Die Azole ergänzen sich in ihrer Wirkung. Triadimenol ist zudem systemisch und wird in die Blätter transportiert. Dort mindert dieser Wirkstoff den Befall durch die Typhula-Fäule und darüber hinaus auch durch Mehltau.

Maßnahmen gegen tierische Schädlinge

Wenn Zuckerrüben lückig standen, Kartoffeln früh geerntet wurden oder das Kraut vorzeitig infolge eines Krautfäulebefalls abgestorben war, kann die Brachfliege empfindliche Schäden im nachgebauten Weizen an den Keimlingen verursachen. Gefährdet sind insbesondere Spätsaaten.

Wenn vor der Saat mit Vorschäler gepflügt und das Saatbett gut rückverfestigt und nach der Saat gewalzt wird, können die Schäden begrenzt werden. Bei einem hohen Befallsrisiko kann das Saatgut zusätzlich zur fungiziden Beizung mit einem Insektizid behandelt werden. Dafür steht Contur Plus im Pack mit Inteco zur Verfügung. Bei der Beizung mit Contur Plus gegen die Brachfliege ist zuerst das fungizide Mittel zuzugeben. Nach gründlicher Verteilung fügt man Contur Plus und zuletzt das Haftmittel Inteco unter ständigem Rühren zu.

Gegen Krähenfraß und Blattläuse als Virusvektoren sind keine Beizmittel mehr zugelassen. Zudem hat das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft das vollständige Verbot der Einfuhr und des Inverkehrbringens von Wintergetreide-Saatgut verlängert, das mit den Wirkstoffen Clothianidin, Imidacloprid oder Thiamethoxam behandelt ist.

Darüber hinaus darf so behandeltes Saatgut auch nicht ausgesät werden. Wer vorsätzlich oder fahrlässig entsprechend behandeltes Saatgut für Wintergetreide einführt oder in den Verkehr bringt, handelt ordnungswidrig. Eine Bekämpfung der virusübertragenden Blattläuse ist im Herbst folglich weiterhin nur im Spritzverfahren möglich.

Handhabung der Beizmittel

Vor einer Beizung ist das Saatgut in Reinigungsgeräten so aufzubereiten, dass es möglichst staubfrei ist. Dies ist die Voraussetzung für eine gute Beizqualität. Zur Verbesserung der Haftung von Beizmitteln stehen Zusatzstoffe wie FormelM, Inteco und Maximal Flow zur Verfügung. Außerdem bekommen die Körner durch diese Zusatzstoffe eine glattere Oberfläche. Die Fließfähigkeit steigt.

Das Saatgut muss trocken sein. Die Behandlung von feuchtem Saatgut mit einem Wassergehalt über 16% kann zu Auflaufschäden führen.

Die Flüssigformulierungen, also mit Wasser angerührte Beizen, haben sich bei den Beizmitteln durchgesetzt. Dies trifft insbesondere für Dinkel zu, wenn er in den Vesen ausgesät wird. Wichtig ist die richtige Dosierung der Beizmittel durch eine korrekte Einstellung der Beizgeräte.  Bei Unterdosierungen besteht die Gefahr, dass die Krankheiten nicht ausreichend bekämpft werden. Überdosierungen kosten unnötiges Geld und können  Schäden an den Getreidekeimlingen verursachen.

Für die korrekte Einstellung der Beizgeräte bieten die Beizmittelhersteller einen Beizservice an. Bei den Herstellern sowie bei amtlichen Stellen können auch der Beizgrad und die Beizmittelverteilung überprüft werden.

Frisch gebeiztes Saatgut sollte vor der Aussaat mehrere Stunden abtrocknen. Da die Beizmittel die Fließeigenschaften des Saatgutes beeinflussen, muss die Sämaschine vor der Aussaat von unterschiedlich gebeiztem Saatgut neu abgedreht werden.

Mit Beizmitteln behandeltes Saatgut darf nicht zur Verfütterung an Tiere oder für Nahrungsmittel, auch nicht nach Verschnitt mit unbehandeltem Getreide, verwendet werden.

Autor: Dr. Friedrich Merz, Regierungspräsidium, Stuttgart

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